Donnerstag, 24. Oktober 2019

Ausgezeichneter Pressebericht über Veranstaltung in der Berufsschule in Cham. Excelente nota de prensa sobre conferencia ante casi 200 alumnos en Cham.

MENSCHEN

Die Wahrheit hinter Schindlers Liste

Erika Rosenberg-Band war die beste Freundin von Oskar Schindlers Frau Emilie. Deren Rolle sei in der Geschichte kaum bekannt.
Von Christoph Klöckner
Emilie Schindler, die Witwe von Oskar Schindler, hatte im Zweiten Weltkrieg gemeinsam mit ihrem Mann 1200 Juden vor dem Tod gerettet. Foto: dpa
Emilie Schindler, die Witwe von Oskar Schindler, hatte im Zweiten Weltkrieg gemeinsam mit ihrem Mann 1200 Juden vor dem Tod gerettet. Foto: dpa
CHAM.Mit einem Buchtitel aus den Fünfzigerjahren hatte Professorin Erika Rosenberg-Band ihren Vortrag überschrieben, den sie am Dienstag im Foyer der Chamer Berufsschule vor gut 150 Schülern hielt: Gegen das Vergessen unbesungener Helden - Emilie und Oskar Schindler. Das Besondere: Sie war die beste Freundin von Emilie Schindler, begleitete sie bis zu ihrem Tod.
Das Interesse an der Geschichte des Ehepaars, das 1200 Juden als Beschäftigte in ihren Firmen in der Nazizeit das Leben rettete, war so groß, dass die Organisatorin, Deutschlehrerin Julia Wingert, einigen Schülern absagen musste. Selbst vom Schulberg kamen Gruppen gelaufen, so dass am Ende über 150 Berufsschüler den Worten der Professorin lauschten. Und nicht nur das - Erika Rosenberg-Band versuchte immer wieder die jungen Erwachsenen durch Fragen ans Publikum oder durch ihre Appelle zu Wortmeldungen mit einzubinden.

Die Rolle von Emilie Schindlers

Volle Reihen empfingen Prof. Erika Rosenberg-Band in der Berufsschule. Mehr als 150 Schüler wollten dabei sein. Foto: Klöckner
Volle Reihen empfingen Prof. Erika Rosenberg-Band in der Berufsschule. Mehr als 150 Schüler wollten dabei sein. Foto: Klöckner
Worauf es ihr besonders ankam, wurde schnell deutlich: Sie wollte Dinge klarstellen, die der Hollywood-Streifen „Schindlers Liste“ von 1994 und Regisseur Steven Spielberg geschönt, weggelassen oder gar erfunden hatte. Vor allem versuchte sie, den Anteil von Emilie Schindler an der Rettung der jüdischen Arbeiter herauszustellen. Der sei im Film komplett negiert worden, machte sie den Zuhörern klar. Der Held für Hollywood sei hier einzig Oskar Schindler gewesen, seine Frau war allenfalls nur Beiwerk.

Prof. Rosenberg-Band und Emilie Schindler

  • Leben:

    Sie berichtete aus ihrem eigenen Leben, erzählte , dass der Vater Jurist in Berlin gewesen sei, die Mutter Ärztin in Hamburg. Bis das die Gesetze der Nazis Berufsverbote gebracht und die Eltern 1936 zum Auswandern gebracht hätten. Nur Paraguay und die Dominikanische Republik hätten Flüchtlinge aufgenommen, die USA etwa hätten ein Einreiseverbot für diese Menschen gehabt.
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  • Flucht:

    Von Paraguay seien die Eltern dann ein zweites Mal über 1600 Kilometer per Anhalter ohne spanische Sprachkenntnisse weiter nach Argentinien geflohen. Sie fragte die Schüler, wo der Unterschied zu den heutigen Flüchtlingen und ihren Schicksalen sei: „Der Mensch hat noch immer nicht gelernt!“ Sie sei dann 1951 in Buenos Aires geboren worden.
„Sie hatte nicht einmal eine Nebenrolle im Film“, erinnerte Erika Rosenberg-Band. Dabei habe sie mindestens ebenso dazu beigetragen, die Menschen zu retten, war von 1939 bis 1945 immer vor Ort. Das weiß die Historikerin genau. Zahlreiche Gespräche hat sie mit Emilie Schindler geführt, Dokumente eingesehen und auch mit 22 Überlebenden, die Schindlers vor dem Tod retteten, gesprochen. Zahlreiche Stunden an Aufzeichnungen von Gesprächen hat sie archiviert.
Prof. Erika Rosenberg-Band versuchte immer wieder, die Schüler zu Nachfragen zu animieren und ins Gespräch zu kommen. Foto: Klöckner
Prof. Erika Rosenberg-Band versuchte immer wieder, die Schüler zu Nachfragen zu animieren und ins Gespräch zu kommen. Foto: Klöckner
Sie hatte sich in ihrer Heimat Argentinien auf die Spur von Schindlers gemacht, nachdem sie Hinweise auf deren Geschichte und ihren damals aktuellen Wohnort Buenos Aires bekommen hatte. Schließlich machte sie Emilie Schindler ausfindig, die ihr die faszinierende Geschichte erzählte, wie alles gewesen sei. Daraus habe sie die erste Biografie des Ehepaars Schindler geschrieben.

Alle Menschen sind gleich

Gleich zu Beginn gab sie ihre erste von einigen Botschaft an die Berufsschüler weiter: „Ich sage Menschen, nicht Juden.“ Es sei egal, welche Religion einer habe, welche Nationalität oder welche Hautfarbe - alle Menschen seien gleich. Eine zweite Botschaft schloss sich gleich an: Wolle man etwas erreichen, müsse man immer dranbleiben. Nur so habe sie Emilie Schindler ausfindig gemacht.
Julia Wingert im Gespräch mit der Professorin - die Deutschlehrerin hatte die Veranstaltung an der Berufsschule vorbereitet. Foto: Klöckner
Julia Wingert im Gespräch mit der Professorin - die Deutschlehrerin hatte die Veranstaltung an der Berufsschule vorbereitet. Foto: Klöckner
Sie machte klar, dass Spielberg nicht der erste gewesen sei, der das Ehepaar Schindler als Grundlage für Buch oder Film erkoren hatte. Bereits 1957 sei das Buch „Die unbesungenen Helden“ von Kurt Großmann erschienen, in dem das erste Kapitel dem Ehepaar Schindler gewidmet gewesen sei. Und auch ein Film war geplant, zu dem Oskar Schindler einen vierzehnseitigen Brief an Regisseur Fritz Lang schickte. Der Film kam nie zustande. „Weil da noch keiner etwas vom guten Deutschen wissen wollte!“, erklärte Erika Rosenberg-Band.

MENSCHEN

Schindlers Liste: Etwas Ruhm für Emilie

Jetzt redet auch seine Frau: Die Stadt hat die Tafel optimiert, die an die Regensburger Jahre des Judenretters erinnert.
Auch eine finanzielle Beteiligung Emilie Schindlers am Erfolg von Spielbergs Film gab es nicht. Der Film habe nur Verluste gebracht, zudem habe sie kein Anspruch, weil sie geschieden gewesen sei, schrieb ihr die Filmfirma, was aber nicht stimmte. Eingeladen nach Jerusalem zur Filmgala sei Emilie Schindler nicht einmal begrüßt worden. Doch ein Mann, ein Überlebender, habe ihre Freundin erkannt und ihr von Herzen gedankt: „Sie waren unsere Mutter. Sie haben uns gerettet!“

Fehler im Film

Auch die Dramaturgie brachte manchen Fehler in den Film. So überreichten die Arbeiter Schindler nach der Rettung im Mai 1945 einen goldenen Ring zum Dank. „Für solche Arbeiten gab es gar keine Zeit in den Firmen“, so Prof. Rosenberg-Band. Oskar Schindler sei ein Lebemann gewesen, der seine Frau belog und betrog. Er habe nach der Heirat 1927 nicht gearbeitet, sondern von der Mitgift seiner Frau gelebt. Man müsse nicht anständig sein, um anderen das Leben zu retten, so die Referentin - und als Merksatz für die Jugend: „Jeder von uns kann Großes leisten!“
Die ehemalige beste Freundin von Emilie Schindler klärte die Schüler über die echte Geschichte rund um Schindlers Liste auf. Foto: Klöckner
Die ehemalige beste Freundin von Emilie Schindler klärte die Schüler über die echte Geschichte rund um Schindlers Liste auf. Foto: Klöckner
Was auch im Film verschwiegen worden sei, sei Schindlers Mitgliedschaft bei der rechtsextremen sudetendeutschen Henlein-Partei und seine Tätigkeit als Spion für die Deutschen in der Tschechoslowakei, wozu Mähren ab 1918 gehörte. Schindler hatte die Aufgabe, ausländische Spione zu enttarnen. Diese Funktion und die Kontakte daraus seien aber Voraussetzungen gewesen, um später überhaupt an die Fabriken kommen zu können. Im Film sehe es aus, als kaufe er die Gebäude in Krakau von Juden, doch das sei gar nicht möglich gewesen, so Rosenberg-Band.

Abtreibung als einzige Lösung

Seine Kontakte halfen Schindler auch, aus dem Gefängnis zu kommen. Dorthin war er auch wegen dunkler Geschäfte und auch wegen Bevorteilung von jüdischen und polnischen Arbeitern gekommen. Emilie Schindler habe etwa einer schwangeren Arbeiterin geholfen. Denn Kinder unter 14 Jahren wurden getötet. So hatten alle Frauen Angst vor Schwangerschaft. Die einzige Lösung sei die Abtreibung gewesen, auch wenn Emilie Schindler das sonst ablehnte. Man habe nie offen nett zu den Gefangenen sein dürfen, habe ihr Emilie erzählt. Selbst als sie eine Zigarettenkippe wegwarf und ein Jude sie weiterrauchte, sei sie von einem SS-Mann beschimpft worden wegen angeblicher Begünstigung.
Berufsschulleiter Siegfried Zistler hatte seine Schüler bei der Begrüßung an die eigene Geschichte in deren Familien erinnert. „Meine beiden Opas sind damals gefallen“, sagte er. Wer damals Jude gewesen sei, habe Pech gehabt. Er schlug den Bogen zum aktuellen Ereignis in Halle. Es gelte, aus der Geschichte zu lernen.