Auf dem Areal der ehemaligen Fabrik von Oskar Schindler in Brněnec / Brünnlitz befindet sich seit dem vergangenen Jahr das Museum der Überlebenden. Am Samstag, dem 9. Mai, fand dort im Rahmen des Festivals Meeting Brno ein Treffen statt, bei dem unter anderem eine Ausstellung über Emilie und Oskar Schindler eröffnet wurde.
Im Ort Brněnec, das auf Deutsch Brünnlitz hieß, steht die Fabrik, in der der deutsch-mährische Unternehmer Oskar Schindler (1908–1978) während des Zweiten Weltkriegs rund 1200 jüdische Zwangsarbeiter rettete. An diese Tat erinnert auf dem Gelände mittlerweile ein Museum der Überlebenden, hinter dem die Stiftung Archa steht. Die Stiftung wurde von Daniel Low-Beer gegründet, einem Nachkommen der Familie Löw-Beer, der die Fabrik ursprünglich gehörte. Er hat vor einigen Jahren das Fabrikgelände gekauft mit dem Ziel, dort eine Gedenkstätte zu eröffnen und die sogenannte ,Schindlers Arche‘ zu retten. Denn im Herbst 1944 zog Oskar Schindler in die Fabrik und nahm dabei seine Arbeiter mit. Dazu kam es nach der Auflösung des KZ Plaszów und aller Außenlager. Schindler hatte ab 1939 eine Emaillewarenfabrik in der Nähe von Krakau besessen, die später als Rüstungsbetrieb anerkannt wurde. Dank behördlicher Genehmigungen gelang es Schindler 1944, die Produktion von dort nach Brünnlitz zu verlegen. Zu seinen bisherigen Arbeitern kam eine gewisse Anzahl neuer hinzu. Letztlich umfasste die Liste der „Schindler-Juden“ insgesamt 297 Frauen und 781 Männer. Ihnen und noch weiteren Juden retteten er und seine Frau Emilie (1907–2001) das Leben.
Daniel Low-Beer ist Arzt, lebt in Genf und arbeitet bei der Weltgesundheitsorganisation. Er ist zudem Schriftsteller und Dichter sowie Großenkel von Arnold Löw-Beer, dem Besitzer von großen Textilfabriken in Brno / Brünn und Brněnec. Daniel Low-Beer begrüßte zuerst auf Tschechisch alle Besucher, die am 9. Mai auf dem früheren Fabrikgelände zusammentrafen.
„Willkommen in Brněnec. Wer einen Ort rettet, rettet die Welt. Im vergangenen Jahr haben wir hier bei null angefangen. In diesem Jahr möchten wir Ihnen zeigen, wie sich dieses kleine Museum allmählich entwickelt. Zu sehen ist hier eine neue Ausstellung. Die Gebäude werden schrittweise restauriert. Wir haben hier eine Replik des Rings, den Oskar Schindler von Juden kurz vor seiner Flucht aus Brněnec geschenkt bekam. Sie werden genügend Zeit dafür haben, sich das Fabrikgelände anzuschauen.“
Auf dem Programm standen die Eröffnung einer neuen Ausstellung über Emilie und Oskar Schindler, Konzerte sowie eine Diskussion. Es wurden zudem Ausschnitte aus Spielbergs Film „Schindlers Liste“ gezeigt. Zwischenzeitlich erklang auch Musik aus dem Film.
Treffen mit Emilie Schindler in Buenos Aires
Erika Rosenberg kam aus Argentinien nach Brněnec. Die Schriftstellerin, Historikerin und Übersetzerin lernte 1990 in Buenos Aires Emilie Schindler kennen. Sie verbrachte mit ihr viel Zeit und ließ sich ihr Schicksal schildern. Erika Rosenberg hat die neue Ausstellung für Brněnec zusammengestellt. Im Folgenden ein Gespräch mit der argentinischen Historikerin.
Frau Rosenberg, wie haben Sie Emilie Schindler kennengelernt?
„Ich habe Emilie Schindler zum ersten Mal 1990 in Buenos Aires getroffen, dreieinhalb Jahre vor dem Film ,Schindlers Liste‘. Man kann quasi sagen, dass ich sie aus der Vergessenheit rausgeholt habe. Denn Emilie Schindler lebte völlig ignoriert von der Welt, in großer Armut, nicht einmal mit der Dankbarkeit der Länder, für die sie so viel geleistet hat. Ich würde sagen, es war mein Glück, meine Fügung, als ich Emilie getroffen habe. Am Anfang wollte ich nur ein Interview mit ihr und eine Recherche für mein Buch machen. Aber dann hat sie mir viel erzählt – über dies und jenes. Ihre Geschichte als zivilcouragierte Frau hat mich gepackt. Wir haben die letzten elf Jahre ihres Lebens zusammen verbracht. Ich habe sie begleitet und auch darum gekämpft, dass sie Anerkennung fand. Heute bin ich wirklich sehr stolz und zufrieden, dass hier die Ausstellung gezeigt wird. Und auch, dass hier dieses Museum entstanden ist, als ein würdiger Platz für die Erinnerungen an die beiden. Nicht nur an Emilie, sondern auch an Oskar. Die beiden waren diejenigen, die 1200 Menschen gerettet haben.“
Manchmal stehen die Frauen sozusagen ein wenig im Schatten ihres einflussreichen Mannes. Wie war das in diesem Fall?
„Nein, Frau Schindler war die ganze Zeit an seiner Seite und hat eigentlich die ganzen Lebensmittel und Medikamente für die Leute besorgt. Sie war die ganze Zeit neben ihm und mit ihm in der Fabrik.“
Workshops und Vorträge für Schulen
Erika Rosenberg stammt aus einer jüdischen Familie, die 1936 aus Deutschland vor den Nationalsozialisten nach Südamerika geflüchtet war. Wie waren der Weg ihrer Familie nach Argentinien und ihre Anfänge in Buenos Aires?
„Das war nicht leicht. Die Europäer konnten sich in Südamerika in der Zeit sprachlich nicht anpassen, sie konnten sich auch nicht kulturell anpassen. Und ich glaube, wenn man von der Heimat entwurzelt ist, ist das furchtbar. Und die Europäer konnten sich nicht einleben, sie konnten auch kein richtiges Spanisch. Ich war als kleines Kind immer die Dolmetscherin.“
Haben Sie zu Hause Deutsch gesprochen?
„Ich bin zweisprachig aufgewachsen, zwangsmäßig. Mein Vater verstarb sehr früh, da war ich neun Jahre alt. Meine Mutter war ständig krank. Das heißt, meine Kindheit und meine Jugend waren wirklich kein Zuckerschlecken. Aber ich wollte immer Geschichte studieren und bin Historikerin geworden.“
In welchen Sprachen ist Ihr Buch über Emilie Schindler erschienen?
„Auf Deutsch, und es musste ins Englisch übersetzt worden. Dann erschien es auf Französisch, Italienisch, Tschechisch und Polnisch. Jetzt wurde es sogar auf Mandarin herausgegeben, wir waren voriges Jahr in China.“
Wie ist Ihre Zusammenarbeit mit Daniel Low-Beer und mit diesem Museum zustandegekommen?
„Er hat zufällig über mein Buch ,Where Light and Shadow Meet’ erfahren und hat mich ausgesucht. Das war vor acht Jahren. Die Idee mit der Ausstellung entstand erst voriges Jahr.“
Arbeiten Sie irgendwie mit Schulen zusammen?
„Ja, ich bereite Workshops vor und halte Vorträge in verschiedenen Ländern der Welt. Aber nicht nur zum Thema Schindler, ich habe auch Bücher zu anderen Themen geschrieben.“
Wie ist Ihre Erfahrung mit den Schülern?
„Es kommt darauf an, wie man das Thema vorbringt – das Thema Zivilcourage, das Thema Werte in dieser Welt. Es ist ja nicht wie nur Plakativgeschichte, denn diese Geschichte von Emilie und Oskar Schindler ist im Zweiten Weltkrieg eingebettet, aber auch davor und danach. Wichtig ist, dass die Menschen lernen, miteinander friedlich zu leben. Aber meine Generation ist gescheitert. Sonst hätten wir nicht einen Donald Trump, einen Erdoğan, einen Netanyahu. Deswegen habe ich ja große Hoffnung, dass die Jugend es in dieser Welt anders macht.“
Das Museum der Überlebenden in Brněnec ist vom 9. Mai bis 10. Oktober geöffnet, und zwar immer mittwochs bis sonntags von 10 bis 16 Uhr. Mehr erfahren Sie unter https://arksfoundation.net. Das Festival Meeting Brno, das mit der Veranstaltung in Brněnec eröffnet wurde, dauert bis 31. Mai.